Der Gedanke an den eigenen Tod: Jung und krebskrank

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Im Alter von 20 Jahren bekam Alexander Böhmer die Diagnose Krebs. Heute ist er 22 Jahre alt und krebsfrei. Doch Alexanders Genesung hatte einen hohen Preis: Sein rechtes Bein musste amputiert werden. Alex erzählt von der Angst vor dem Sterben in jungen Jahren und vom „Krebstourismus“ auf Instagram.

Alexander Böhmer ist 22 Jahre alt und kommt aus der Nähe von Köln. Er ist Flugbegleiter, war in Frankfurt stationiert, hat das Fliegen und Reisen geliebt. Doch ein Tag änderte alles: Am 24. August 2018 bekam Alex die Diagnose Osteosarkom High Grade – Knochenkrebs. Im Alter von 20 Jahren.

Foto: Alexander Böhmer

„Meine Eltern waren bei der Diagnose dabei. Wir waren sehr erschrocken, es war super schwierig, das alles zu begreifen. Meine Mutter ist damals ins Auto gestiegen und hat gesagt: Wir schaffen das – das weiß ich noch genau. Und so war es ja auch. Sie hatte wie fast immer Recht.“ Heute ist Alexander krebsfrei, doch der Weg dorthin war alles andere als leicht. Der Tumor in seinem rechten Knie konnte operativ entfernt werden, die Chemotherapie schlug an, aber das Bein verheilte nicht. Letztendlich musste Alexanders Bein oberhalb des Knies amputiert werden.

Die Angst vor dem Tod in jungen Jahren

Mit der Diagnose kam auch die Angst, nicht wieder gesund zu werden: „Ich musste mich unweigerlich mit dem Thema Tod auseinandersetzen. Ich fand es immer unfair, wenn Freunde erzählt haben, dass sie überlegen auszuziehen. Ich habe gedacht, vielleicht komme ich nie an diesen Punkt. Das sind Kleinigkeiten, durch die man realisiert, wie nah einem dieses Thema eigentlich ist und wie groß die Angst. Dennoch bekomme ich manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich Interviews wie jetzt gerade gebe. Meine Therapie war erfolgreich, auch wenn es mir sehr schlecht ging, wurde nie ausgesprochen, dass ich sterben muss, ich war nie Palliativpatient – so viele Leute haben viel härtere Diagnosen und schlechtere Chancen auf Heilung“, erzählt Alexander.

Infokasten: In Deutschland überleben im Schnitt 65 Prozent der Frauen sowie 59 Prozent der Männer* eine Krebserkrankung. Die Heilungschance eines Krebspatienten hängt von der Art des Krebses und dem Stadium ab. Generell ist Knochenkrebs selten, in Deutschland erkranken jährlich etwa 800 Patienten neu, das männliche Geschlecht ist dabei häufiger betroffen**. 

Krebs wird oft sofort mit dem Tod assoziiert, obwohl das falsch ist. Es gibt viele Leute, die wieder gesund werden. Und selbst Krebspatienten mit Metastasen, die keine Chancen auf Heilung haben, leben zum Teil noch sehr lange“, erzählt Alex.

Sterben in der Schweiz

„Von Freunden wurde das Thema Tod oft abgetan: ,Ach, du wirst wieder gesund, mach dir keine Sorgen.’ Zuhause wurde dem Ganzen mehr Raum gegeben. Meine Mutter musste mir versprechen, wenn es mir sehr schlecht geht, dass sie mich zum Sterben in die Schweiz bringt und mich begleitet. Im Nachhinein betrachtet ist das natürlich total hart sowas zu verlangen. Aber damals war mir wichtig, dass sie es mir verspricht. Das hat sie auch gemacht – und das war gut.“

Die größte Stütze für Alexander war seine Mutter: „Meine Mutter hat immer Kampfgeist gezeigt und war zuversichtlich. Das war für mich super wichtig. Ich wusste, solange Mama meint, es wird alles gut, dann wird es auch gut. Manchmal, wenn ich über diese Zeit spreche, fühlt sich das an als würde ich über einen Film reden, den ich gesehen habe. Wenn ich alte Fotos anschaue oder die Arztbriefe lese, wird mir klar: Das alles ist wirklich passiert. Es war eine schlimme Zeit und es ist eine schlimme Erkrankung. Ich bin super gut darin, das im Alltag zu verdrängen.“ 

Foto: Alexander Böhmer

Die Angst, dass der Krebs wiederkommt 

„Im November wurde der Tumor raus operiert, die Chemotherapie hat gewirkt. Es waren Gott sei Dank nie Metastasen da und es war klar, es wird anstrengend, aber es wird gut enden. Diese ganz schlimme Sorge, dass es nicht anschlägt, war weg.“ Doch die Angst kam wieder, als die Chemotherapie vorbei war: „Während der Therapie hatte ich das Gefühl, ich mache aktiv was gegen den Krebs. Nach der letzten Chemo hat sich die Angst eingeschaltet: Du machst nichts mehr gegen den Krebs, jetzt kann alles ungehindert wachsen. Es ist mittlerweile besser geworden als bei der ersten Nachsorge – ich hatte inzwischen schon vier oder fünf. Trotzdem bleibt die Sorge, dass der Krebs wiederkommt.“ 

Im Alltag macht sich Alex inzwischen weniger Gedanken: „Zwei Wochen vor der Nachsorge geht’s los, den Höhepunkt erreicht die Angst, wenn ich im MRT liege oder das Krankenhaus betrete“, erzählt Alexander. „Ich fühle mich, als würde ich zum Schlachthof geführt werden. Mein Arzt sagte, ich soll mir selbst sagen, dass nur kontrolliert wird, ob mein Körper noch in die richtige Richtung läuft und falls nicht, würden sie meinem Körper den Anstoß geben, um wieder zu funktionieren. Das hat mir sehr geholfen. Bei der letzten Vorsorge hatte ich viel mehr Angst davor, dass die Angst wiederkommt, als dass sie tatsächlich da war. Total irre eigentlich.“

Das Entsetzen der anderen

„Vor etwa einem Jahr hat ein Physiotherapeut in Ausbildung meine Geschichte mit Bleistift gezeichnet und ausgestellt. Ich stand daneben und habe die Reaktionen der Leute mitbekommen. Alle haben die Zeichnungen durchgeblättert und gesagt: wie krass, wie schlimm. Für mich war das einfach aufregend und cool, dass mich jemand gemalt hat. Aber als ich dann mitbekommen habe, wie schockiert alle über diese Zeichnung waren – das hat mich erschrocken. Es hat mich erschrocken wie erschrocken alle anderen waren.“

Diese Lektion hätte Alex nicht gebraucht

„Ich ärgere mich nicht mehr über Kleinigkeiten, aber ich würde diese neue Gelassenheit gerne eintauschen, wenn das alles dafür nicht passiert wäre. Viele bezeichnen ihr Leben nach dem Krebs als Leben 2.0 und neue Chance – das sehe ich anders. Der Krebs war furchtbar für alle Beteiligten, wir hatten alle Angst. Es war ein emotionaler, finanzieller und zeitlicher Aufwand. Diese Lektion hätte ich nicht gebraucht. Klar ist es schön zu sehen, welche Freunde echt sind. Aber ich hätte lieber zwei Fake-Freunde als Krebs. Die Leute die sagen, mein Leben ist jetzt besser als vorher, die haben einfach die Ausmaße nicht verstanden, was diese Krankheit ihnen und ihrer Familie angetan hat. Es gibt Tage, da stehe ich auf und ziehe die Prothese an und denke: Geil, dass es dieses Ding gibt, du kannst laufen. Aber es gibt auch Tage, da wache ich auf und brauche eine halbe Stunde, um überhaupt aufzustehen, weil ich mich so dagegen sträube diese Prothese anzuziehen. Es ist jeden Tag ein bisschen anders“, erzählt Alexander. 

Krebstourismus auf Instagram

Alex hat inzwischen fast 25.000 Follower auf Instagram: „In meinem Krankenhaus gab es niemanden mit meiner Diagnose und erst recht nicht in meinem Alter. Ich habe mir Instagram heruntergeladen und nach Gleichgesinnten gesucht – es gibt dort eine riesige Community. Irgendwann habe ich das erste Foto mit Glatze gepostet und auf einmal waren die ersten Abonnenten da. Ich habe einfach meine Geschichte erzählt, was gerade passiert, wie es mir geht. Es war ein stückweit auch für meine Freunde, es ist einfacher, etwas zu posten statt jedem einzeln zu antworten. Es ist aber auch immer wieder erschreckend: Wir Krebs-Blogger nennen das den Krebstourismus. Sobald jemand postet, dass er stirbt, verdreifacht sich im Schnitt die Followerzahl innerhalb von 24 Stunden. Je schlimmer der Inhalt, desto mehr Likes und Kommentare.“

Der Traum vom Fliegen

Ein Kollege hatte Hodenkrebs und Metastasen im Rücken, seitdem ist sein rechtes Bein gelähmt. Er trägt eine Prothese, die um das vorhandene Bein gebaut ist und ihm das Laufen ermöglicht. Er musste seine Flugtauglichkeit unter Beweis stellen und fliegt seitdem wieder. Das gibt mir Hoffnung. Wir Flugbegleiter sind hauptsächlich da, um im Notfall zu reanimieren und evakuieren. Aber ich merke im Alltag: Ich kann – und das muss ich zeigen. Mein Arbeitgeber benimmt sich absolut vorbildlich. Wenn das mit dem Fliegen nicht klappt, bekomme ich eine andere Aufgabe. Aber die Idee ist, dass ich wieder fliegen darf. Allerdings frühestens im Januar 2022. Alle Mitarbeiter mit einem Behinderungsgrad von 50 oder mehr sollen das gesamte Jahr 2021 Zuhause bleiben“, erzählt Alexander seufzend. 

Foto: Alexander Böhmer

Endlich wieder leben

Alexander lag lange im Krankenhaus – erst Chemotherapie, dann Reha. Seit er wieder Zuhause ist, ist die Corona-Pandemie im vollen Gange: „Ich will leben, rausgehen, reisen, mich mit Freunden treffen, feiern gehen. Ich will alles außer Zuhause sitzen. Ich hab’ so Hummeln im Hintern und denke oft: Im März ist die nächste Vorsorge, geht dann alles von vorne los? Ich will meine Zeit nutzen, leben. Deswegen bin ich auch zwischen den Lockdowns dreimal in die Niederlande gefahren.“ 

Zum Schluss hat Alex noch einen weisen Rat wie wir alle unser Leben etwas aufwerten können: „Die Mutter meiner Mutter hat immer gesagt: Wenn du einen schönen Alltag hast, dann hast du auch ein schönes Leben. Es können Kleinigkeiten sein, sich einfach mal einen teuren Kaffee zu gönnen, der drei Euro pro Tasse kostet – das macht das Leben aus.“

Wenn Ihr Alexander besser kennenlernen wollt, dann folgt ihm doch auf seinem Instagram-Account @alex.boeh


Quellen: 
* Krebsdaten https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Krebs_gesamt/krebs_gesamt_node.html
**Krebsgesellschaft https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/andere-krebsarten/knochenkrebs/definition-und-haeufigkeit.html
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