Für immer Liebe: Eine Beziehung auf Zeit

Lesezeit 7 Minuten

Lisa Liebscher ist 34 Jahre alt. Anfang April starb ihr krebskranker Mann Thomas durch das Coronavirus. Das Virus hat seine Lebenszeit verkürzt. Lisa erzählt von ihrer großen Liebe und wie sie sich auf Abstand für immer von Thomas verabschieden musste.

Lisa und Thomas haben sich auf der Arbeit kennengelernt. Kurz nachdem sie ein Paar geworden sind, bekam Thomas die Diagnose Krebs. Die beiden sind sehr schnell zusammengezogen, die Diagnose beschleunigte ihre Beziehung. Lisa und Thomas hatten knapp drei gemeinsame Jahre, zweieinhalb davon mit dem Krebs. „Bis vier Wochen vor Thomas Tod hatten wir ein schönes Leben. Uns ging es gut, trotz 35 Chemotherapien hatte Thomas noch Haare auf dem Kopf. Wir sind umgezogen, waren oft im Urlaub. Wir konnten ein normales Leben führen – mit dem Krebs. Ich bin dankbar für alles, was wir erleben durften“, erzählt Lisa.

„Die Ärzte haben es nie ausgesprochen, aber ich denke, sie haben Thomas zum Zeitpunkt der Diagnose nur wenige Monate gegeben. Der Tumor war inoperabel und in einem fortgeschrittenem Stadium. Als Thomas zwei Jahre später immer noch durch die Gegend hüpfte, sagten sie, er sei ein medizinisches Wunder. Thomas hat seine Chemotherapie immer gut vertragen, er hatte immer seinen Laptop dabei, damit er währenddessen arbeiten kann. Er hat den Krebs als Teil seines Lebens akzeptiert. Thomas war ein extremer Dickkopf, ich glaube, sein Wille hat ihm viel Zeit verschafft.“

Lebensfreude bis zum Ende

„Mitte März kam Thomas mit extremer Atemnot ins Krankenhaus. Die Ärzte haben sofort gesagt, es ist Corona. Sie haben ihm nicht mal mehr eine Nacht gegeben, aber Thomas hat noch fünf Tage im Krankenhaus gekämpft. Letztendlich war sein Köper zu geschwächt. Corona hat seinen Tod beschleunigt. Wir wissen nicht, wo er sich mit dem Virus infiziert hat.“ Kurz vor Thomas Tod hat Lisa erfahren, dass sie selbst negativ auf das Coronavirus getestet wurde. Dass sie Thomas nicht mit dem Virus angesteckt hat, war eine große Erleichterung für sie.

„Im Nachhinein war schon länger ein Ende in Sicht, aber ich wollte das zugegebenermaßen nicht hören“, erzählt Lisa, während ihre Tränen kullern. Wenn Lisa an Thomas denkt, dann vor allem an seine Lebensfreude: „Das ist das, was mir so einen Stich ins Herz versetzt. Er hat sein Leben geliebt und war der Meinung, er sei stärker als der Krebs. Er ist morgens immer gut gelaunt aus dem Bett gesprungen und hat sich auf den Tag gefreut. Ich fand seine Lebensfreude beeindruckend. Es ist unfair, dass er sein geliebtes Leben nicht mehr leben darf.“

Ein Abschied zwischen Tür und Angel

Thomas kam sonntags mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Lisa erzählt: „Er hat mir geschrieben: ,Ich habe Corona und sterbe.’ Ich bin sofort ins Auto gestiegen. Wir wohnen in Rosenheim, hier war bereits im März ein Hotspot und das Krankenhaus dicht. Ich bin trotzdem hingefahren, stand dann vorm Krankenhaus, habe geheult und geschrien. Ich war so verzweifelt und panisch. Irgendwann haben sie mich reingelassen, mit Schutzanzug und Mundschutz.“

Thomas war damals einer der ersten Corona-Patienten auf seiner Station. „Der Arzt sagte, ich dürfe mich in die Tür stellen und mich von ihm verabschieden. Also stand ich da und sollte Lebewohl sagen. Thomas war bei vollem Bewusstsein und hat alles mitbekommen. Er lag da auf dieser Station und wusste, er stirbt jetzt – und muss alleine sterben. Ich bin völlig zusammengebrochen als ich gehen sollte. Ich saß im Flur und habe nur noch geheult und am ganzen Körper gezittert. Der Arzt ist dann deutlich geworden als ich nach zehn Minuten immer noch am Boden saß. Letztendlich haben sie mich einfach rausgeschmissen“, erzählt Lisa mit zittriger Stimme. 

Eine letzte gemeinsame Stunde

„Ich habe mit dem Krankenhauspersonal diskutiert. Es hieß ja immer, man darf zu Sterbenden. Irgendwann haben wir uns darauf verständigt, dass sie mich anrufen, wenn er stirbt, dass ich kurz vorher noch mal komme.“ Drei Tage später bekam Lisa den Anruf: Sie darf vorbeikommen. „Alles war wie immer. Thomas hat noch gesagt, wenn ich in zwei Wochen wieder Zuhause bin, dann soll es ganz viel Nudeln geben, weil er so viel abgenommen hat. Auch da hatte er noch diesen Lebenswillen. Ich saß da in diesem Schutzanzug und durfte nur seine Hand anfassen, sonst nichts. Aber es war gut. Ich bin so dankbar, dass dieser Abschied in der Tür nicht das Letzte war“, erzählt Lisa unter Tränen. Beim Gehen sagte die Krankenpflegerin, Lisa solle den Mundschutz behalten. Wenn sie negativ getestet sei, dürfe sie am nächsten Tag wieder kommen. In der Nacht ist Thomas gestorben.

Sterben war keine Option

Lisa hatte immer die Vorstellung, Thomas bis zum Ende begleiten zu können: „Es ist im Nachhinein irre, aber er hatte keine Patientenverfügung, nichts. Ich dachte, wir sind irgendwann gemeinsam auf einer Palliativstation und können dort in Ruhe über seine Wünsche reden. Er hat nur mit seiner Krebsdiagnose beschlossen, er möchte seinen Körper der Wissenschaft spenden. Das hat dann wegen Corona nicht funktioniert. Wir wollten den Tod nicht in unserem Leben haben, wir wollten ja leben – und das haben wir. Sterben war keine Option.“

Eine Beerdigung unter Corona-Bedingungen 

„Nachdem Thomas gestorben ist, durfte ich seine Sachen holen. Es hieß, ich müsse alles wegschmeißen. Das habe ich natürlich nicht gemacht. Meine Mama und ich haben die Sachen mit Schutzkleidung ausgepackt, desinfiziert und gewaschen. Das Krankenhaus meinte auch, suchen Sie schnell ein Bestattungsinstitut, die Plätze werden knapp. So etwas zu hören ist in einer solchen Situation ein weiterer Stich ins Herz. Aber ich bin erleichtert, dass er Corona bereits Anfang April hatte. Er als Risikopatent mit geringer Lebenschance hätte später vermutlich kein Beatmungsgerät mehr bekommen. Das war damals zum Glück noch kein Thema und er ist aufgrund seiner Vorerkrankung bei den Ärzten nicht hinten runtergefallen.“

Ich durfte dem Bestatter keine Kleidung bringen, Thomas wurde aufgrund der Corona-Infektion so verbrannt wie er war. Das Virus hat ihm einen menschenwürdigen Abschied verwehrt. Auf der Beerdigung durften wir nur zu fünfzehnt sein. Es war schwer, bestimmen zu müssen, wer kommen darf und wer nicht.  Die Beisetzung fand draußen statt, wir hatten zum Glück wunderschönes Wetter. Wir durften uns zwar nicht in den Arm nehmen, aber wir waren froh, dass die Beerdigung überhaupt stattfinden durfte.“

Trauer in Zeiten von Corona

„Manche fragen mich, ob ich ein tolles Wochenende hatte, die Sonne hätte so toll geschienen. Mir ist das egal, ob die Sonne scheint. Das Leben der anderen geht einfach weiter, das tut weh. Bei den Menschen, mit denen ich jetzt noch engen Kontakt habe, da weiß ich, dass ich Thomas immer erwähnen darf. Es gibt Leute, die wollten das schon nach acht Wochen nicht mehr hören.“ Lisa ist nun bei einer Trauerbegleiterin: „Da weiß ich, wenn ich das selbe noch hundert Mal erzählen will, dann darf ich das. Und das tut gut. Die Trauerbegleiterin hat mir anfangs viel Theorie zur Trauer erzählt. Das hat mir geholfen zu verstehen, dass bei Trauer alle Gefühle sein dürfen und  es normal ist, was ich fühle.“

Etwas das bleibt

Thomas hat aus dem Supermarkt immer für einen Euro die Pflanzen angeschleppt, die keiner mehr haben wollte und sie aufgepäppelt. Wir hatten auf der Beerdigung einen Spruch für Thomas:

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Martin Luther

Dieses Hoffnungsvolle passt einfach so gut zu ihm“, erinnert sich Lisa. „Thomas hatte im Februar noch Tomaten, Paprika und Erdbeeren gesät und sich wie jedes Jahr gefreut, ihnen beim Wachsen zusehen zu können. Nach seinem Tod stand ich jeden Abend lustlos auf dem Balkon und dachte mir: ,Toll, jetzt muss ich da literweise Wasser drauf kippen – es geht sowieso alles kaputt, weil Thomas nicht mehr da ist.’ Im Nachhinein war es jedoch total schön, die von ihm gepflanzten Früchte zu ernten. Ich konnte es kaum glauben, als auch sein Feigenbaum Früchte bekam. Ich kann jetzt nachvollziehen, was er daran immer so toll fand.“

Himmlische Grüße

Lisa hat Yoga für sich entdeckt und eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht: „Im September 2019 habe ich meinen Bürojob gekündigt und im Januar 2020 ein kleines Yogastudio eröffnet, Thomas hat mich bestärkt, diesen Schritt zu wagen. Wir haben das Studio zwei Monate  lang zusammen renoviert. Thomas hat da viel Herzblut reingesteckt und mich unterstützt, obwohl er mit Yoga nichts anfangen konnte. Heute denke ich, dass er vielleicht wollte, dass ich etwas habe, worin ich einen Sinn sehe.“ 

Bis sich Lisa nach Thomas Tod wieder auf die Yogamatte gestellt hat, dauerte es: „Ich habe meine Mama damals vier Wochen nach Thomas Tod sogar angeschrien: ,Ich gehe nie wieder auf die Yogamatte’.“ Ende Juli hat Lisa ihre Schüler dann doch zu Yoga am See eingeladen. „Das war total schön, alle wiederzusehen.“ Lisa muss lächeln: „Die Yogastunden haben vier Wochen lang immer stattgefunden, wir hatten jedes Mal gutes Wetter und strahlenden Sonnenschein. Teilweise hat es bis kurz vorher geregnet oder auch nur wenige Kilometer weiter, aber nicht bei uns. Da habe ich mir gedacht, da ist jemand im Himmel, der gerade dafür sorgt, dass ich wieder mit dem Yoga anfange.“

Eine Kerze für Thomas

„Ich rede oft mit Thomas, erzähle ihm Sachen, schimpfe manchmal mit ihm, wie er mich alleine lassen konnte. Wenn ich mich ins Bett kuschele, habe ich das Gefühl, er ist da. Er hat einen Schreibtisch bei uns im Wohnzimmer, da steht ein Bild von ihm und eine Kerze. Sobald es dunkel wird, zünde ich sie an. Das letzte was ich mache, bevor ich ins Bett gehe, ist die Kerze auszupusten und ihm gute Nacht zu sagen. Mein Opa ist Anfang Oktober gestorben, ich hatte so gehofft, dass ich in diesem Jahr nicht noch einmal vor einer Urne stehen muss. Ich habe dadurch gemerkt, was das für ein Unterschied ist, wenn jemand stirbt, der schon alt ist. Ich war natürlich sehr traurig, aber es ist in Ordnung, dass er gegangen ist, er hat sein Leben gelebt, war krank und wollte nicht mehr. Aber bei meinem Mann, da ist es nicht in Ordnung, er ist viel zu früh gestorben.“ Neben Thomas Foto steht jetzt auch ein Foto von Lisas Opa: „Nun sage ich beiden jeden Abend gute Nacht und hoffe, es geht ihnen gut, dort oben im Himmel.“

Fotos: Lisa Liebscher

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