Das Paradies: Ein Auflösen aller Konflikte

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Im Interview spricht Tim Fink über seine Arbeit als Pfarrer, wie er in seiner Gemeinde Trauer und Beerdigungen erlebt sowie über seinen Glauben, was nach dem Tod mit uns passiert. 

Tim Fink ist 34 Jahre alt und seit fünf Jahren ordinierter Pfarrer. Er hat 2013 sein Studium abgeschlossen und daraufhin ein Vikariat begonnen. Seit anderthalb Jahren ist Tim Fink Pfarrer in Idstein, zuvor hat er in der Thomasgemeinde in Gießen gearbeitet. 

Foto: Tim Fink

Was sind denn deine Aufgaben als Pfarrer? 

Pfarrer Fink: „Ich bin manchmal wie ein Mädchen für alles und kümmere mich um das, was anfällt: Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Seelsorge sowie ganz viel Verwaltung und Schreibtischarbeit. Ich bin Entertainer, indem ich Feste plane und gestalte. In meiner alten Gemeinde gehörte das Betreiben einer KiTa auch zu meinen Tätigkeiten. Meine Arbeit ist ganz vielfältig, jeder Tag ist anders.“

Wann wurdest Du in deinem Beruf das erste Mal mit dem Tod konfrontiert?

Pfarrer Fink: „Direkt in meiner Ausbildung 2013 als Vikar wurde ich beruflich das erste Mal mit dem Tod konfrontiert. Das war in meiner fünften oder sechsten Woche. Mein Lehrpfarrer hat mich mit auf eine Beerdigung genommen. Ich habe auch das Trauergespräch begleitet. Ich bin damals mit großem Respekt rangegangen und wusste, ich gehe jetzt in eine ganz intime Situation. Die Menschen haben jemanden verloren und ich bin ein Gast, der das Handwerk der Trauerarbeit erlernen soll. Ich war sehr erstaunt, wie sich die Menschen nach und nach öffneten, lachten und weinten und wie mein Lehrpfarrer sehr elegant das Gespräch geführt hat, damit die Leute ihrer Trauer Ausdruck verleihen konnten.“

Wurdest Du privat bereits mit dem Tod konfrontiert? 

Pfarrer Fink: „Ja, ich kenne auch die andere Seite der Trauer: Ich habe mit 14 Jahren meinen Vater verloren, das war ein sehr einschneidendes Erlebnis. Mein Vater war schwer krebskrank, mit der Diagnose wurde direkt gesagt, er hat nur noch ein halbes Jahr zu leben. Wir wussten, es gibt keine Heilung. Das war für mich als Kind rückblickend gut, dadurch habe ich mir keine falschen Hoffnungen gemacht.“

Wie bist Du zu deinem Glauben gekommen bzw. warum bist Du Pfarrer geworden? 

Pfarrer Fink: „Für meine Glaubensentwicklung war der Tod meines Vaters sehr entscheidend. Das hat mich vor mehrere Sinnfragen gestellt und ich bin auf die Suche nach Antworten gegangen. Ich habe dann beschlossen, ich möchte mich taufen lassen und Pfarrer werden.“

Was glaubst Du, passiert mit uns nach dem Tod? 

Pfarrer Fink: „Ich persönlich habe die Hoffnung, dass es da irgendwas gibt, in diesem göttlichen Sein, ohne dass ich das ganz genau beschreiben möchte. Ich denke, da ist ein Ort, ganz anders als die Erde –  ohne Streit, Hass, Krieg und Gewalt. Für mich bedeutet das Paradies ein Auflösen aller Konflikte.“

Symbolbild: Pixabay

Wie wurde in deinem Elternhaus mit dem Thema Glaube umgegangen? 

Pfarrer Fink: „Mein Vater war ein kölscher Katholik, meine Mutter ist Protestantin. Glauben spielt bei uns schon immer eine Rolle – uns war immer klar, es gibt so was wie Gott. Meinen Eltern war es wichtig, dass mein Bruder und ich unseren eigenen Weg finden, deshalb wurden wir nicht getauft. Meine Mutter hat immer gesagt, wenn ihr Juden oder Muslime werden wollt, dann ist das eure Entscheidung. Aber es war immer die Gewissheit da, es gibt eine höhere Essenz.“

Wie wird bei euch Zuhause mit dem Thema Tod umgegangen? 

Pfarrer Fink: „Wir hatten in der Familie schon immer ein lockeres Verhältnis zum Thema Tod und diesen nie als etwas Schreckliches angesehen. Uns wurde schon als Kind beigebracht: Der Tod gehört zum Leben dazu. Ich sage manchmal scherzhaft: Der Tod ist mein Begleiter – er sitzt da in der Ecke und schaut mir beim Schachspielen zu. Ich wüsste nicht, warum ich vor ihm Angst haben sollte. Wir können den Tod nicht begreifen, warum sollten wir ihm nicht lachend entgegen treten?“

Wie gehst Du in deinem Beruf mit dem Tod um?

Pfarrer Fink: „Es sind nicht meine Angehörigen, das sorgt für professionelle Distanz – dennoch bin auch ich durch meine Arbeit mal in Trauer. Letzte Woche habe ich die Tochter einer Frau beerdigt, Anfang des Jahres bereits ihren Mann.Das berührt und lässt mich nicht kalt. Ich nehme das abends mit ins Gebet und sage mir: Dieser Mensch ist tot, aber er ist nicht verloren, sondern wo anders und lebt vor allem in unseren Erinnerungen und im Herzen weiter – das gibt mir Hoffnung. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. Einmal musste ich innerhalb von zwei Wochen sieben Leute beerdigen, das stecke ich auch nicht einfach so weg. An Sterbefällen, die dem Tod meines Vaters ähneln, knabbere ich heute noch. Ich rede dann darüber, das ist ganz wichtig und auch eine Form der Seelsorge, der Selbstreflexion im Umgang damit.“

Wie hast du gelernt, so reflektiert mit dem Thema Tod umzugehen?

Pfarrer Fink: „Ich hatte einen sehr guten Lehrpfarrer, der mir immer wieder gesagt hat, wie ich damit umgehen und das auch verarbeiten kann. Einer meiner Seelsorge-Professoren im Studium hat das etwas katholisch ausgedrückt: Suche dir deinen eigenen Beichtvater – jemanden, mit dem du vertraulich reden kannst. Das habe ich. Wenn irgendetwas ganz schlimm war, dann greife ich zum Telefon und rufe die Person an – das hilft.

Manchmal hole ich mir auch externe Hilfe. Ich habe einmal eine junge todkranke Frau oft im Krankenhaus besucht und die Familie begleitet. Der Todesfall ist mir sehr an die Nieren gegangen. Da war ich selbst zu sehr in Trauer und habe einen anderen Pfarrer dazu geholt. Es gehört dazu, ehrlich zu sich selbst zu sein. Bei Todesfällen wo ich den Verstorbenen gut kannte, drücke ich auch meine eigene Trauer aus. Da kann es passieren, dass ich weine und die Stimme versagt. Auch ich habe Emotionen, ganz viele sogar. Je jünger die Toten sind desto härter ist es. Es ist immer schlimm, wenn Eltern das eigene Kind bestatten. Vor allem dann, wenn die Eltern schon auf die 80/90 Jahre zugehen und die Urne selbst tragen. Getreu dem Motto: Ich hab dich als kleines Kind getragen und trage dich auch jetzt zu Grabe. Das zerreißt einem das Herz.“

Professionalität im Beruf schließt Empathie und Trauer nicht aus. Symbolbild: Pixabay

Denkst Du, der Tod ist immer noch ein Tabu? 

Pfarrer Fink: „Ja, den Tod empfinde ich in der Gesellschaft als ein ganz großes Tabu Thema. Ich erlebe oft, dass Leute den Tod vom Leben ausgrenzen. Was für mich absolut widersinnig ist, denn es gibt zwei wesentliche Punkte in unserem Leben: unsere Geburt und unseren Tod. Diese Dinge sind gewiss.“

Warum denkst Du, ist das Thema ein Tabu?

Pfarrer Fink: „Es gab Zeiten, da haben sich die Menschen ihre Särge schon zu Lebzeiten auf den Dachboden gestellt. Vielleicht müssen wir uns einfach wieder klar machen, dass Sterben zum Leben dazugehört. Das ist schwieriger geworden, weil kaum noch Zuhause gestorben wird. Kaum jemand wacht morgens auf und der Partner liegt tot neben einem im Bett. Dieses klinisch sterile eines Krankenhauses, das macht auch den Tod klinisch steril und distanziert. Deshalb müssen wir uns umso mehr ins Bewusstsein rücken, dass das Leben endlich ist.“

Was können wir tun, um dieses Tabu zu brechen?

Pfarrer Fink: „Ganz viel drüber reden. Oft ist da die Angst oder Unsicherheit: Wie soll ich auf den Trauernden zugehen? Einfach fragen: Wie geht’s dir? Was kann ich für dich tun? ‚Was willst du, das ich dir tue?’, heißt es in der Bibel an einer Stelle so schön.“

Ich habe schon oft erlebt, dass Trauernde schon kurz nach einem Todesfall gesagt bekommen haben, jetzt sei es doch mal wieder gut mit der Trauer. Wie nimmst Du das in deiner Arbeit als Seelsorger wahr?  Wie gehst Du mit Trauernden in deiner Gemeinde um? 

Pfarrer Fink: „Das Problem ist doch: ,Trauer hört nicht auf, Trauer verändert sich.’ Nach 20 Jahren kann und darf immer noch getrauert werden. Allerdings sollte nicht so getrauert werden wie am ersten Tag. Das könnte psychologisch gesehen kritisch sein. Wenn jemand gestorben ist, rufe ich die Leute an und vereinbare einen Gesprächstermin, an dem wir die Beerdigung planen. Ich merke manchmal schon beim Trauergespräch vor der Beerdigung, wer Unterstützung braucht. Ich gehe dann ein paar Wochen später nochmal vorbei oder rufe an. Ich mache das gerne auch beim Einkaufen, wenn ich die Leute zufällig treffe, frage ich noch einmal nach. Das ist insofern eine angenehme Situation, da die Leute einfach wieder heraus kommen, wenn sie nicht reden wollen. Und ich merke schnell, ob jemand Hilfe braucht und komme dann gerne auf einen Kaffee vorbei.  Ansonsten müssen sich die Trauernden aktiv melden, ich möchte auch nicht aufdringlich sein. Ich kann allerdings wirklich nur ermutigen: Ruft euren Pfarrer an, wenn ihr das Gefühl habt, ich brauche ein Gespräch, eine Begleitung. Wir nehmen uns immer Zeit dafür, das machen wir von Herzen gern.“

Möchtest Du noch etwas loswerden und den Lesern mit auf den Weg geben? 

Pfarrer Fink: „Redet darüber, wenn euch etwas ängstigt – mit euren Freunden, eurer Familie, ruft den Pfarrer an. Habt keine Angst, zu einem Therapeuten oder einem Trauerbegleiter zu gehen, wenn ihr es nicht alleine schafft. Auch die Menschen, bei denen der Tod kurz bevorsteht, haben Trauer, da sie sich vom Leben verabschieden müssen. Auch die sollen reden und vor allem sagen, was sie sich für ihre Beerdigung wünschen. Ich kann nicht müde werden zu sagen: Macht eine Patientenverfügung. Schreibt auf, was ihr euch für den Todesfall wünscht. Das hilft den Angehörigen ungemein.“

Ihr möchtet noch mehr zum Thema Glaube lesen? In dem Artikel „Wenn die Aufgabe in dieser Welt erledigt ist, darf die Seele weiterziehen“ spricht  Juliane darüber, wie tote Schwester Iris dennoch irgendwie weiterlebt und woran sie und ihre Eltern glauben, was mit uns nach dem Tod passiert. Julianes und Iris Vater ist Buddhist.
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