Ist der Tod überhaupt (noch) ein Tabu?

Lesezeit 5 Minuten

Einigen Interviewpartnern wurde dieselbe Frage gestellt: Ist der Tod überhaupt (noch) ein Tabu?  Und wenn ja, warum reden Menschen ungern darüber? Schließlich sprechen auf EndlichkeitsKompass viele Menschen sehr offen über das Thema Tod, Trauer, Sterben und die eigene Endlichkeit. Das waren ihre Antworten: 


Michael Friedmann: „Ich spreche auch immer davon, dass Trauer ein Tabu ist. Aber eigentlich weiß ich gar nicht, ob das wirklich stimmt – zumindest nicht in der breiten Gesellschaft. Bei manchen ist es sicher noch ein Tabu, aber prozentual könnte ich das gar nicht so genau abschätzen. Viele sagen: Früher wurde offener mit dem Tod umgegangen. Die Großeltern haben nicht im Altenheim, sondern daheim gelebt, sind Zuhause zerbrechlicher geworden und gestorben. Das wurde automatisch miterlebt. Wenn wir auf das letzte Jahrhundert schauen, bin ich mir nicht sicher, ob man das wirklich als offen bezeichnen kann. Es heißt oft: ,Der ist im Krieg gefallen.’ Aber das ist kein adäquater Begriff dafür, dass jemand ermordet wurde – gefallen klingt nicht mal nach Beinbruch. Kinder waren früher automatisch dabei, aber sie achtsam, sensibel und pädagogisch im Blick zu haben – das würde ich dem letzten Jahrhundert nicht zuschreiben. Heute wird viel sensibler mit dem Thema umgegangen. 

Ich finde es fast schon grotesk, dass der normale Tod inzwischen in den Medien nicht so präsent ist wie der dramatische Tod. Tatort, Sonntagabend, tausende von Krimis, in denen es um den gewaltsamen Tod geht, selten aber um den natürlichen Tod. Ich hatte mal ein Buch in der Hand, da stand auf der Rückseite: „Wer hat eigentlich Oma erschossen?“ — dabei ist die Oma einfach nur gestorben. Medial betrachtet scheint es, dass jeder, der stirbt, durch einen gewaltsamen Tod umkommt.“

Foto: Michael Friedmann


Kerstin Raftis: „Ich denke, es ist immer noch ein sehr schwieriges Thema. Selten wird sich im privaten Raum so richtig mit der Thematik auseinandersetzt – da fehlt noch einiges. Es ist auch einfach ein unangenehmes Thema, das einem Angst macht. Menschen, die schon mal den Tod eines nahestehenden Menschen erlebt haben, die gehen nicht mit ihren Erfahrungen hausieren. Es gibt niemand Tipps zum Thema Nachlass, Testament, Bestatter oder Sonstigem. Die meisten machen viel mit sich selbst aus. Das finde ich bei Instagram so schön, dass viele ihre Gedanken und Geschichten teilen. Mich schreiben immer wieder Menschen an, die sagen: ,Mir ging es auch so.’ Das tut echt gut –  aber das bleibt leider alles sehr in der Instagram-Blase.“

Foto: Kerstin Raftis


Alexandra Kossowski:Es hat sich gewandelt. Wenn ich auf Instagram blicke, dann gibt es fast jeden Tag ein neues Profil, das sich mit Tod, Trauer, Sterben befasst. Was total cool ist. Als ich vor 2,5 Jahren mit Instagram angefangen habe, war das anders. Hier in Berlin ist aber sowieso alles etwas offener. Wenn ich aufs Land schaue, dann sehe ich auch in meiner Familie, dass das Thema noch nicht so etabliert ist. Man hat seine Abläufe, geht zu dem einen Bestatter, den es im Ort gibt – es gibt kaum Auswahl. Dadurch entsteht auch nichts Neues. Generell wird nicht viel darüber geredet. In dem Punkt ist das Internet ein Vorreiter. Ich denke durch Corona ist die ganze Thematik etwas in den Vordergrund gerückt. Durch die Bilder aus Italien und New York, die LKWs, die Leichen abtransportiert haben, die Fotos von Massengräbern. Die Leute reden darüber.“

Foto: Alexandra Kossowski


Petra Berghaus:„Ich habe auf meinem Instagram-Account gemerkt: Es gibt wenig Menschen, die sich das alles wirklich anhören möchten. Nach dem Tod meiner Mutter wollte ich darüber schreiben, das kam nicht wirklich an. Dann habe ich mich dazu entschlossen, einen zweiten Account nur zu dieser Thematik zu machen. Dort habe ich direkt bemerkt: Das Feedback auf meine Posts ist komplett anders. Obwohl mir auf meinem Trauerkanal viel weniger Menschen folgen, ist es dort viel schöner. Manchmal singe ich einfach in der Story und dann bekomme ich Nachrichten wie: ,Petra, ich habe deine Story beim Einschlafen gehört, immer wieder auf Repeat.’ Das freut mich total. Ich erhalte so tolle Nachrichten. Die Leute erzählen mir ihre Geschichten. In dieser Welt ist es kein Tabu. Aber es ist wie eine Parallelwelt. In meinem Freundeskreis wird lieber nicht darüber gesprochen. Viele weinen, wenn ich etwas erzähle, aber eher abwehrend, sodass ich dann meistens wieder aufhöre. Das ist sehr schade, denn es ist toll, darüber zu sprechen, man verliert auch Ängste dadurch.“

Foto: Noemi Kreklau


Vanessa Horn: „Es ist immer noch ein Tabu, ganz sicher. Und es ist wichtig, das Tabu zu brechen, darüber zu reden, nicht zu Schweigen. Ich würde mir allgemein mehr Feingefühl wünschen, dass Trauernden nicht ungefiltert von allen Seiten die eigene Meinung ins Gesicht geschleudert wird. Und dass mehr Leute ihr eigenes Verhalten reflektieren. Die meisten schieben das Thema Tod direkt von sich, wollen damit nicht in Berührung kommen und verletzen somit oft andere. Vielleicht, weil sie selbst auch nicht wissen, wie es sich anfühlt und auch Angst vor dem Thema haben. Das finde ich ganz arg schwierig, denn es betrifft ja jeden. Jeder verliert irgendwann jemanden, der einem Nahe steht.“

Foto: Vanessa Horn


Alexander Böhmer: „Ich kenne niemanden, der da gerne drüber spricht. Ich finde es schade, weil es betrifft am Ende jeden von uns. Das selbe mit dem Krebs, knapp 50 Prozent aller Männer und Frauen in Deutschland werden im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken. Wie bekloppt ist es, nicht darüber zu sprechen? Die Wahrscheinlichkeit, dass alle meine Freunde und meine Familie gesund bleiben bis zum Ende ihres Daseins, liegt bei Null. Es ist irre zu sagen, ich setze mich nicht auseinander. Aber gut, ich kann es verstehen, es ist natürlich leichter.“

Foto: Alexander Böhmer


Pfarrer Fink: „Ja, den Tod empfinde ich in der Gesellschaft als ein ganz großes Tabu Thema. Ich erlebe oft, dass Leute den Tod vom Leben ausgrenzen. Was für mich absolut widersinnig ist, denn es gibt zwei wesentliche Punkte in unserem Leben: unsere Geburt und unseren Tod. Diese Dinge sind gewiss. Es gab Zeiten, da haben sich die Menschen ihre Särge schon zu Lebzeiten auf den Dachboden gestellt. Vielleicht müssen wir uns einfach wieder klar machen, dass Sterben zum Leben dazugehört. Das ist schwieriger geworden, weil kaum noch Zuhause gestorben wird. Kaum jemand wacht morgens auf und der Partner liegt tot neben einem im Bett. Dieses klinisch sterile eines Krankenhauses, das macht auch den Tod klinisch steril und distanziert. Deshalb müssen wir uns umso mehr ins Bewusstsein rücken, dass das Leben endlich ist. Und ganz viel drüber reden. Oft ist da die Angst oder Unsicherheit: Wie soll ich auf den Trauernden zugehen? Einfach fragen: Wie geht’s dir? Was kann ich für dich tun? ‚Was willst du, das ich dir tue?’, heißt es in der Bibel an einer Stelle so schön.“

Foto: Tim Fink


Die gefällt dieser Beitrag? Dann teile ihn mit deinen Freunden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.